Notaufnahmen: "Nackt im Sturm des Kostendrucks"
Der Vormittag beginnt ruhig an einem Dienstagmorgen im Juni in der Notaufnahme des Klinikums Fürth. Doch um 12:03 Uhr kommt plötzlich Hektik auf. Eine Patientin mit Verdacht auf Sepsis wird eingeliefert, ihr Zustand: kritisch. Jetzt zählt jede Minute.
Im Schockraum, einem Behandlungszimmer ausgestattet für intensivmedizinische Notfälle, kämpfen die Ärzte um ihr Leben, da schrillt schon der nächste Alarm. Ein schwerer Verkehrsunfall wird angekündigt: Noch ein Schockraum, noch ein Ärzteteam, noch ein Kampf um Leben und Tod.
"Genau das ist das klassische Bild eines Overcrowdings", erläutert Oberarzt Luan Garibaldi. Der Fachbegriff beschreibt eine Überlastung der Notaufnahme. Nicht nur die Schockräume, auch die Wartezimmer sind dann überfüllt.
Notaufnahmen In Ganz Deutschland Überlastet
Hier am Klinikum Fürth erleben sie das an etwa fünf von sieben Tagen pro Woche. Die Folge:
Overcrowding
Mit dem Begriff Overcrowding beschreiben Notfallmediziner eine Überlastung der Notaufnahme, bei der der benötigte Bedarf an Notfallversorgungskapazitäten die verfügbaren Ressourcen eines Krankenhauses - sei es räumlich, materiell oder personell - übersteigt. Um die Überforderung in den Kliniken zu messen, nutzen Notfallmediziner eine Überlastungsampel (CEDOC-Score). Der Grad der Auslastung reicht von Level 1 (blau = entspannt) über Level 4 (orange = stark erhöht) bis Level 6 (schwarz = kritisch). Ein Overcrowding, also eine Überlastung, die zu Patientengefährdungen führen kann, liegt bei Level 4 bis 6 vor.
Nicht nur in Fürth, in ganz Deutschland sind an diesem Dienstag, dem 2. Juni 2026, Notaufnahmen überlastet. Wie alarmierend die Lage ist, zeigt eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA), die an diesem Stichtag durchgeführt wurde und deren Ergebnisse ZDF frontal und dem "Spiegel" exklusiv vorliegen.
45 Prozent der Notaufnahmen melden demnach eine Überlastung. 31,4 Prozent davon waren auf der Ampel Orange, bei 8,1 Prozent zeigte die Ampel rot und 5,5 Prozent meldeten sogar schwarz, dort herrschte eine akute Patientengefährdung.
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Schwierigkeit, Patienten Auf Stationen Zu Verteilen
Auch am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg kennen sie diese Situation. Am Tag der Umfrage wird es um 10:55 Uhr hektisch in der Notaufnahme. Fast zeitgleich bringt der Rettungsdienst zwei kritische Patienten. Der erste wird bereits auf dem Weg in den Schockraum reanimiert, der zweite künstlich beatmet. Der stellvertretende Chefarzt Alexander Ilisch muss jetzt den Überblick behalten und dazu gehört auch: freie Betten finden.
Rund 50.000 Notfall-Patienten versorgen sie hier pro Jahr. Das Krankenhaus ist mit über 700 Betten ein sogenannter Maximalversorger. Trotz der ländlichen Lage komme es immer wieder zu einer Vollbelegung, sagt Ilisch.
Im Fachjargon heißt dieser Stau Exit-Block. Am Tag der Umfrage hatten 60,6 Prozent der teilnehmenden Notaufnahmen mit einem solchen Exit-Block zu kämpfen.
Exit-Block
Von einem Exit-Block sprechen Notfallmediziner, wenn Patienten, die stationär aufgenommen werden sollen, nach Abschluss der Behandlung in der Notaufnahme nicht auf eine Station verlegt werden können, weil dort keine Betten verfügbar sind. Da diese Patienten weiterversorgt werden müssen, führt der Exit-Block zu einer zusätzlichen Belastung in der Notaufnahme. Notfallmediziner gehen davon aus, dass es in den meisten Krankenhäusern ab einer Belegungsquote von 85 Prozent schwierig und ab 90 Prozent kaum noch möglich ist, einen Exit-Block in der Notaufnahme zu vermeiden.
Finanzierungsdruck Auf Notaufnahmen
Dass die Krankenhausstationen immer prall gefüllt sind, hat auch finanzielle Gründe. Denn wer Geld verdienen will, braucht hohe Fallzahlen, also Patienten, die stationär in den Krankenhäusern behandelt werden, erläutert Gesundheitsökonom Matthias Brachmann von der Universität Witten/Herdecke.
Die Notaufnahmen seien dagegen ein Verlustgeschäft. 94 Euro würden Klinikbetreiber im Schnitt draufzahlen, wenn sie gesetzlich versicherte Patienten behandeln, rechnet der vor. Er warnt: "Die Notaufnahmen stehen nackt im Sturm des Kostendrucks in den Krankenhäusern. Und in der finanziellen Lage aktuell ist der Sparanreiz brutal."
Personalnot In Den Kliniken
Das gelte insbesondere beim Personal. Und tatsächlich berichteten rund zwei Drittel der Notaufnahmen in der Umfrage von unbesetzten Stellen im ärztlichen Dienst und in der Pflege. Nur knapp ein Drittel bewerteten die Personalausstattung als ausreichend.
Die neuen DGINA-Zahlen dürften die Debatte um eine Notfallreform befeuern, die noch im Herbst im Bundestag verabschiedet werden soll. Der Gesetzentwurf sieht unter anderem vor, die Notaufnahmen durch eine bessere Patientensteuerung zu entlasten.
Mehr zu diesem Thema sehen Sie am Dienstag, 22.09.2026, ab 18 Uhr im ZDF-Streaming-Portal in der Doku: "Notaufnahmen vor dem Kollaps".
Über dieses Thema berichtet frontal inside in dem Beitrag "Profit vor Patientenwohl?" am 22.09.2026 um 06:00 Uhr und die Sendung frontal ab 21:00 Uhr.
Mit dem Begriff Overcrowding beschreiben Notfallmediziner eine Überlastung der Notaufnahme, bei der der benötigte Bedarf an Notfallversorgungskapazitäten die verfügbaren Ressourcen eines Krankenhauses - sei es räumlich, materiell oder personell - übersteigt. Um die Überforderung in den Kliniken zu messen, nutzen Notfallmediziner eine Überlastungsampel (CEDOC-Score). Der Grad der Auslastung reicht von Level 1 (blau = entspannt) über Level 4 (orange = stark erhöht) bis Level 6 (schwarz = kritisch). Ein Overcrowding, also eine Überlastung, die zu Patientengefährdungen führen kann, liegt bei Level 4 bis 6 vor.
Von einem Exit-Block sprechen Notfallmediziner, wenn Patienten, die stationär aufgenommen werden sollen, nach Abschluss der Behandlung in der Notaufnahme nicht auf eine Station verlegt werden können, weil dort keine Betten verfügbar sind. Da diese Patienten weiterversorgt werden müssen, führt der Exit-Block zu einer zusätzlichen Belastung in der Notaufnahme. Notfallmediziner gehen davon aus, dass es in den meisten Krankenhäusern ab einer Belegungsquote von 85 Prozent schwierig und ab 90 Prozent kaum noch möglich ist, einen Exit-Block in der Notaufnahme zu vermeiden.